Geschichte des Baltikums

Der baltische Raum wurde ursprünglich besiedelt von einer aus kleineren Stammesverbänden bestehenden baltischen Bevölkerung, den Kuren, Semgallen, Selen und Lettgallen. Neben diesen siedelten Liven und Esten – zum Teil in einer einzigartigen friedlichen Nachbarschaft und Symbiose. Im abgeschiedenen Osten Lettlands, im Bereich der lettgallischen Seenplatte, treffen diese Stammesverbände auf Slawen. Seit dem mittleren ersten Jahrtausend nach Christus fassen skandinavische Seefahrer an den Küsten Kurlands Fuß und erkunden die Bedeutung des Flusses Daugava als Verkehrsader zur Erschließung des Kontinents und als Verbindungsweg über die Flußsysteme von Wolga und Dnjepr in das altrussische Gebiet bis hin nach Byzanz und Zentralasien.

Im Mittelalter wurde das Baltikum von der deutschen Missions- und Kolonisationsbewegung erfasst, ein wichtiger kultureller Einschnitt in der Geschichte der Region: Mit der Christianisierung der noch heidnischen baltischen und livischen Stämme zeichnet sich der Untergang einer jahrhunderte-, wenn nicht sogar jahrtausendealten Kultur ab, die zu diesem Zeitpunkt ihren kulturellen Höhepunkt erreicht hatte. Schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurde von Bremen aus ein Kreuzzug zur Unterwerfung und Christianisierung Livlands unternommen. Unter Livland verstand man damals das gesamte Gebiet des heutigen Estland und Lettland, benannt nach den damals an der Rigaer Bucht lebenden Liven. Der Schwertbrüderorden, in den ersten Jahrzehnten Träger von Missionierung und Kolonisierung im Baltikum, musste sich 1236 mit dem Deutschen Orden zusammenschließen - nach einer Niederlage gegen die Litauer in der „Schlacht von Schaulen“. Der Deutsche Orden hatte im späteren West- und Ostpreußen einen Ordensstaat errichtet und der Schwertbrüderorden wurde nun zum livländischen Zweig des Deutschen Ordens, oder kurz: Livländischer Orden. 1346 wurde auch der Norden des heutigen Estland, der bislang von Dänemark beherrscht war, vom Livländischen Orden übernommen. Doch das Livland des Mittelalters war kein einheitliches Gebilde: Die autonomen, kirchlichen Bistümer befanden sich häufig in Auseinandersetzung mit dem Orden. Zeugnisse der Konflikte sind die oft bis heute - zumindest als Ruinen - erhaltenen Burgen der Bischöfe und Ordensritter.

Im 12. Jahrhundert wurden im Baltikum die ersten städtischen Siedlungen gegründet. Tallinn entstand beispielsweise als Niederlassung deutscher und dänischer Kaufleute neben einer älteren estnischen Siedlung. Riga wurde 1201 von Albrecht von Buxthoeven, dem ersten Bischof von Riga, gegründet. Die Städte im Baltikum schlossen sich der Hanse an: Die bedeutendsten Hansestädte waren Riga, Tartu (Dorpat), Tallinn (Reval) und Pärnu (Pernau). Mit Einwohnerzahlen von 4000 bis 8000 waren Riga, Tartu und Tallinn nach mittelalterlichen Maßstäben große bis mittelgroße Städte. Sie wurden zu typischen Hansestädten des Ostseeraumes, ausgestattet mit lübischem und hamburgischem Recht und norddeutscher Backsteingotik.

Im Livland des Mittelalters regierte eine Oberschicht aus deutschen Rittern und deren deutschen Vasallen. Die Vasallen waren Adelige, die nicht zu den Ordensrittern gehörten, sondern von diesen oder den Bischöfen ein Gut als Lehen erhielten und dafür zum Kriegsdienst verpflichtet waren. Sie kamen zumeist aus Niedersachsen und Westfalen. Etwa 10 Prozent der mittelalterlichen Bevölkerung in Estland und Lettland waren Deutsche. Nur in den Städten stellten sie die Mehrheit und es kam nicht, wie beispielsweise in Ostpreußen, zu einer Ansiedlung von deutschen Bauern in den baltischen Ländern.  Die estnischen und lettischen Einwohner waren zwar der deutschen Oberschicht unterworfen, galten jedoch als freie Bürger - mit Einschränkungen. So durften sie beispielsweise bestimmte Handwerksberufe oder den Beruf des Kaufmanns nicht ausüben. Sie hatten das Recht auf Eigentum an Grund und Boden, aber auch die Pflicht, zum Bau von Kirchen und Burgen beizutragen und im Kriegsfall Heeresfolge zu leisten.

Im Gegensatz zu Esten und Letten gerieten die Litauer nicht unter die Herrschaft des Deutschen Ordens. Im Gegenteil: Nachdem Litauen 1240 von Fürst Mindaugas aus vielen Kleinstaaten geeint wurde, konnte es im 14. Jahrhundert zu einer politischen und militärischen Großmacht werden. Die Herrschaft der litauischen Großfürsten erstreckte sich zeitweise über das heutige Weißrussland und die Ukraine bis an das Schwarze Meer. Großfürst Jagellio heiratete 1386 die Tochter des verstorbenen polnischen Königs und wurde dadurch zugleich in Personalunion König von Polen. Bedingung für die Heirat war der Übertritt des Großfürsten und seines Volkes zum Christentum - damit wurden die Litauer das am spätesten christianisierte Volk Europas. Im Laufe der weiteren Geschichte drehten sich jedoch die Verhältnisse: Polen übernahm die führende Position im polnisch-litauischen Staat und Litauen wurde zunehmend von einer polnischen Oberschicht dominiert.

Im 16. Jahrhundert wurde mit der Reformation das Ende des Deutschen Ordens in Estland und Lettland eingeläutet. Sowohl die Städte als auch die Ordensritter selbst und die bäuerliche estnische und lettische Bevölkerung traten zum Luthertum über, die Litauer blieben jedoch katholisch. Die Reste des Ordensstaates zerfielen: Das östliche Lettland (Latgallen) wurde als Polnisch-Livland ein Teil Polens, das nördliche Lettland wurde zusammen mit Estland schwedisch, wobei das nördliche Lettland zusammen mit dem südlichen Estland als Schwedisch-Livland bezeichnet wurde und bis heute den Namen Livland (auf lettisch Vidzeme) trägt. Das westliche Lettland (Kurland) bildete zusammen mit Semgallen (Lettland südlich der Daugava) das neue Herzogtum Kurland, in dem die deutsche Oberschicht die Herzöge stellten, allerdings unter polnischer Lehenshoheit. In den Nordischen Kriegen eroberte Russland 1721 Estland und Schwedisch-Livland. 1795 kamen auch das Herzogtum Kurland, Polnisch-Livland und Litauen an Russland. Die Deutschen in Estland und Lettland behielten jedoch ihre privilegierte Stellung in Wirtschaft, Politik und Kultur. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts waren über 40 Prozent der Einwohner Rigas Deutsche und an der Universität in Tartu wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts nur auf Deutsch unterrichtet. Erst im Jahr 1918 erlangten Estland, Lettland und Litauen schließlich ihre Unabhängigkeit.

Geschichte  
ViaBaltica.de, 18. März 2018