Kurland, das Land der letzten Liven

03.06.2012

Der Platz der Liven (Livu laukums) in RigaLettland besteht nicht nur aus Riga. Lettland wird untergliedert in die vier Landschaften Livland (Vidzeme), Kurland (Kurzeme), Semgallen (Zemgale) und Lettgallen (Latgale). Wer das ländliche Lettland und die Ostseeküste kennen lernen möchte, der sollte es einmal mit Kurland versuchen. Kurland liegt im Westen Lettlands und die Landschaft ist hier geprägt von Schlösser, Burgen und Herrenhäuser in einer an dichten Wäldern, einsamen Strände, sanfte Hügelketten, Wasserfällen und Höhlen reichen Natur. Auch Störche sind hier noch zahlreich anzutreffen.

 

Im Zentrum des nördlichen Kurlands befindet sich die Stadt Kuldiga, auf deutsch Goldingen. Sie liegt an den Flüssen Venta und Aleksupite, entlang der sich die malerische Altstadt erstreckt. Die alten Holzhäuser, an denen schon sichtlich der Zahn der Zeit genagt hat, erzeugen eine eigentümliche Atmosphäre wie aus einer anderen Welt. Der mit 110 m breiteste Wasserfall Europas befindet sich ganz in der Nähe. Ein Kontrast zum verschlafenen Kuldiga stellt das rund 60 Kilometer nordwestlich an der Ostsee gelegene Ventspils dar, eine wirtschaftlich aufstrebende Stadt mit einem geschäftigen Hafen. Das älteste Gebäude in Ventspils ist die Burg des Livländischen Ordens. Sie ist die älteste Ordensburg Lettlands, erstmals schriftlich erwähnt im Jahr 1290. Heute befindet sich in der Burg das sehenswerte historische Stadtmuseum.

 

Merian RigaVentspils ist ein guter Ausgangspunkt für eine Fahrt noch weiter in den äußersten Norden Kurlands, in den bemerkenswerten Slītere-Nationalpark. Er ist ein Küsten-, Moor- und Meeresschutzgebiet, daß zu ausgedehnten Wandertouren oder Fahrradausflügen einlädt. Dort wo Ostsee und Rigaer Bucht aneinander treffen, liegt Kap Kolka, die nördliche Spitze Kurlands. Hier leben die letzten Angehörigen der Liven, eines der kleinsten Völker Europas. Sie sprechen eine nicht mit dem Lettischen verwandte, finno-ugrische Sprache. Auf den ersten Blick erscheint es kurios, die letzten Relikte livischer Kultur heute ausgerechnet in dieser abgelegenen Ecke Kurlands zu finden und nicht in Livland (Vidzeme). Doch einst siedelten die Liven rund um die Rigaer Bucht und nach ihnen wurde im Mittelalter sogar das gesamte Gebiet des heutigen Estland und Lettland als Livland bezeichnet.

 

Die Erlebnisse einer mehrtägigen Wanderung im Slītere-Nationalpark schildert am besten der folgende Reisebericht.

 

Wir waren letztes Jahr im Sommer erstmals in Lettland zum Wandern. Ausgangspunkt war Riga, die Stadt allein ist schon eine Reise nach Lettland wert. Flug ging mit Ryanair; vom Airport in die Innenstadt nimmt man am Besten den Bus, der kostet 50 Santimes anstelle von 3-8 Lats für einen Expressbus/Taxi. Am nächsten Tag haben wir von Riga aus direkt den Bus nach Ventspils genommen. Ich weiss nicht mehr, was die Fahrt gekostet hat, viel war es nicht und Bus fahren ist in Lettland wirklich kein Problem. Es ist bequem und meist klimatisiert und eben billig. Bahn fahren ist hier wohl keine große Alternative. Zwar billiger aber offenbar auch langsamer als der Bus.

In Ventspils haben wir die erste Nacht auf einem ziemlich modernen Campingplatz verbracht, der wirklich jeden Standard erfüllt und ganz nett in einem Wald gelegen ist, in 10 Minuten ist man von dort an der Küste. Ventspils selbst ist sehr sehenswert. Sehr charmante Stadt, schöne Plätze und Gassen. Wir haben uns dann von einem Taxifahrer aus der Stadt fahren lassen, der für uns sogar noch am Supermarkt gehalten hat und eine kleine Offroad-Passage mitgenommen hat, um uns direkt an die Küste zu bringen. Unser nächstes Ziel war ja Kap Kolka und dort hin führen keine asphaltierten Straßen. Darum gibt es auch keinen Bus o.ä. und die Dame bei der Touristeninfo meinte auch, dass nicht einmal Taxis dahin fahren. Das stimmte also nicht.

Die Kommunikation war übrigens - egal wo wir waren - überhaupt kein Problem. Alle Letten sprechen ausgezeichnetes Englisch und wenn nicht, dann sind es ältere Leute, die aber oft etwas Deutsch gelernt haben, was vollkommen ausreichend war. Alle Kontakte waren sehr freundlich und hilfsbereit, von der distanzierten und introvertierten Art, wie sie uns zuvor beschrieben wurde, haben wir nichts mitbekommen. Manchmal hat man uns etwas ungläubig angeschaut, wenn wir mit den großen Rucksäcken vorbeigelaufen sind aber wir haben keine einzige abweisende oder sonstige negative Erfahrung gemacht.

Der Einfachheit halber sind wir die ca. 80 Kilometer größtenteils direkt entlang der Küste gelaufen und was soll man sagen: Jeder kann es sich ausmalen. Kaum Menschen, die "Dörfer" größtenteils verlassen. Einige Wochenendbesucher, wenige ständig bewohnte Häuser. Zelten am Stand, baden morgens und abends, die See, der Wind, alles super. Etwas hart ist die Tatsache, dass auf der ganzen Strecke nur ein Laden ist, wo man sich neu eindecken kann. Der ist in Mazirbe, was gleichzeitig das kulturelle Zentrum der Liven ist. Entsprechend hatten wir eben ziemlich viel zu schleppen, weil man das Wasser aus Flüssen oder Seen nicht wirklich trinken kann. Abkochen mussten wir aber nichts, einmal hat uns ein Jäger mit Wasser ausgeholfen, als wir uns auf der Suche nach einer kleinen Brücke über die Irbe etwas verlaufen hatten. Der hat uns dann auch direkt zurück an die Küste gebracht. Wer immer denselben Weg nehmen möchte, die Brücke, eine kleine Hängebrücke für Fußgänger, ist scheinbar wirklich schwer zu finden. Es gibt keine Schilder o.ä. und es führt höchstens ein Pfad zur Brücke. Die nächstgelegene Brücke ist dann erst einige Kilometer weiter im Landesinneren wo die "Hauptstraße" nach Kolka entlang führt. Im Slitere-Nationalpark ist wie in allen anderen das Wildcampen verboten aber es gibt mindestens zwei Campingplätze. Wir haben auf der Wiese eines Parkaufsehers geschlafen, für 1 oder 2 Lats. Duschen usw. sind vorhanden und in seinem Haus hat der Besitzer eine sehenswerte Sammlung von Geweihen und allen möglichen alten Utensilien zur Jagd. Am dritten oder vierten Tag sind wir dann in Kolka angekommen und sind von dort direkt nach Roja gefahren, dort dann zum ersten mal wieder eine warme Dusche gehabt und dann weiter über Jurmala zurück nach Riga.

 

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